Techno leben 1984 – 1995 | Teil 1

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Kay-Uwe lenk alias DASFAX

Mitte der 80er Jahre erlebte ich als Jugendlicher mit gesteigertem Interesse an experimenteller Musik, wie sich neben der Mainstreammusik prägende Acts Anne Clark, New Order, Depeche Mode oder Soft Cell- Vertreter der damaligen Electronic Avantgarde – zu meiner favorisierten Musikrichtung entwickelten.

Ihre Songs hatten schon klare Anleihen am elektronischen TRACK- Style der Zukunft und versprühten eine pionierhafte Art von Tiefe, Kraft und des immer geradeaus marschierenden Bassdrums. Auch die britische Band The Cure, die tiefe Soundsphären schufen und epische Meisterwerke von melancholischer Schönheit komponierten, zählen aus meiner Sicht zu den Influencern der Technovorzeit. Sie haben das vorweg genommen, was einmal später das Thema einiger bedeutender Techno-Tracks werden sollte.

Dieser undergroundige Musikstil gab uns Geborgenheit und Kraft zugleich, um die Probleme eines Teenageralltages zu bändigen. Wir, ein gut organisierter Tanz-Mob mit wild aufgestellten Haaren und martialisch anmutenden Modestil, stürmten die Tanzflächen der Dörfer und umliegenden Kleinstädte sobald sich andeutete, dass der DJ unsere Helden*innen in einem halbstündigen Mix spielte. Was dann folgte wurde von den anderen Gästen wie Popper, Blues- oder Heavy-Metal-Fans mit Respekt vor unserem außergewöhnlichen Tanzstil mit leuchteten Augen beobachtet. Es folgte das Ritual der Eingeweihten; wie die Stämme der Naturvölker zelebrierten wir einen rauschenden Tanz mit allen Mitteln unserer physischen Kräfte.

Elektro Musik DJ
Von diesen Momenten an war klar: Ich war infiziert – der Elektronische-Musik-Virus hatte mich gepackt, sich tief in meine Musik-DNA verankert.

Diese jugendlichen Erlebnisse legten den Grundstein für ein weiter und  weiter ansteigendes Interesse an elektronischer Musik in meinem Leben. Denn nach dem 9.11.1989 änderten sich nicht nur die Möglichkeiten, sondern auch die Stilrichtungen innerhalb der elektronischen Musik – im Speziellen Chicago House und Acid House,

Aciiiiiiiied, Aciiiiiied

Techno Musik und eine sehr hitlastige Unterart der Eurodance traten seinen Siegeszug Europaweit an. Anfang der 90er Jahre verließ ich aus beruflicher Perspektivlosigkeit meinen 2000-Seelen Heimatort Elgersburg in Thüringen

Techno DJ Heimat

und zog erstmal zu meinem Erzeuger in das für spätere Technoausflüge sehr strategisch gelegene Hannover. Niedersachens Hauptstadt hatte in Hinblick auf elektronische Musik bereits einiges an Clubs zu bieten. Anfänglich ging ich noch in den New Wave Club Index wo EBM mit voller Kraft durch die Anlage wummerte, aber ich tanzte auch in OSHO´s Baggy, indischer Freiheits Guru mit Rolls-Roys-Affinität, Discokette.  Zu diesem Zeitpunkt wußte ich noch nicht, dass in HannoversNordstadt am Engelbosteler Damm im Keller eines Bürohauses der Gayclub Men’s Factory kurz zuvor seine Pforten eröffnet hatte.

LGBT Club

Ich kannte bereits das SUB, ein Club unweit meines zukünftigen Zuhauses als DJ, in der unter dem Hauptbahnhof gelegnen Passage Passerelle am Ausgang Raschplatz. Hannover als Universitätsstadt hatte ein sehr kunstaffines Publikum und im SUB trafen sich unter anderem auch Lesben und Schwule, was den Club in meinen Augen sehr exotisch machte und ich gern dort zu Acid Jazz und Manchester Rave von den Happy Mondays oder Stone Roses feierte. Die gesamte Inneneinrichtung wie der Tresen und die Umgebung der Tanzfläche war aus Baugerüst und grobem Holz erbaut.  Meine Meisterin aus dem Friseursalon Coiffeur Uhlig in Hannover, wo ich eine Lehre zum Friseur absolvierte, empfahl mir, ich sollte doch bei meinen Ausflügen durch Hannovers Discotheken unbedingt zur Men´s Factory kommen. Mich zog es an jenem bedeutungsvollem Freitag mit meinen Buddies jedoch erst einmal in den Club Checkers, direkt an Hannovers Citypunkt Kröpke. Die Türsteher ließen uns alle eintreten, jedoch kurz nach erreichen des Kellerclubs kam ein Mann in den Fünfzigern auf mich zu. Er stellte sich mir gegenüber höflich als Inhaber vor und drückte mir meine fünf DM Eintrittsgeld wieder in die Hand und sagte, ich müßte den Club sofort wieder verlassen. Er hätte schlechte Erfahrung mit Leuten wie mir gemacht. Ich wußte zu diesem Zeitpunkt nicht, dass das Checkers ein Treffpunkt für Jungendliche war, welche den offenen Schlagabtausch im Faustkampf als Happening zelebrierten, der Chef jedoch seine Ruhe im Laden haben wollte. Damals hatte ich eine stylisch kurzgeschorene Frisur und der Inhaber vom Checkers meinte, mich anhand meiner Frisur einer brutalen Randgruppe zuordnen zu müssen. Ich sah aus wie eine Mischung aus Skinhead und Sportfreak. Und ja ich hörte zu dieser Zeit (und noch immer) auch britische Ska Musik wie die Spezials.

Meine Kumpel ließen sich durch meinen Rauschmiss nicht beirren, blieben dort und ich konnte an diesem frühen Freitagabend meinem Bauchgefühl folgen und begab mich auf einen 20minütigen Fußweg an die Grenze zur Nordstadt. Der Eingang zur Men´s Factory befand sich rechts in einer unscheinbaren dunklen Ecke vor einer vergitterten Hofeinfahrt. Drei große kräftige Männer mit kahlgeschorenen Köpfen in engen Jeans, Boots und schwarzen Lederjacken musterten mich. Kein weiterer Gast befand sich vor oder hinter mir. Ich dachte na endlich, hier werde ich wegen meines Haircuts bestimmt nicht diskriminiert und trat ihnen beherzt entgegen. Hier war ich noch nie und ich spürte ein intensives Wechselbad an Emotionen die ich nicht klar einordnen konnte und natürlich auch das schnelle Bier vom Weg zum Club. Wie schon so oft mußte ich nun das Glück des Abends in die Entscheidung eines Türstehers geben. Das Gefühl aus Hoffnung und Ohnmacht, dass sicher Viele kennen.

LGBT Techno Szene Hannover

Fest entschlossen fragte ich in die Runde: Men´s Factory? Einzig Stille umgab die Situation und die gefühlt längsten 20 Sekunden meines bis dahin 20jährigen Lebens. Ich spürte Ihren Body-Mind-Scan bis in meine Seele und dachte…fuck, was geht ab. Eine tiefe warme Stimme durchbrach die Stille und der erste Bouncer sagte: Komm näher, dass ich Dich abtasten kann. Mein Puls raste auf 160! Sie musterten mich neugierig mit dem in erster Instanz harten Bouncer-Image und sie erkannten sofort, dass ich ein neues Gesicht war. Nach einem kurzen Checkup meiner Taschen wünschten Sie mir mit einem belustigtem Unterton viel Spass und rieten mir, gut auf meine Getränkekarte aufzupassen.

Aufgepumpt mit Adrenalin vor Aufregung, betrat ich die Treppe nach unten, den wummernden Techno-Beat immer deutlicher wahrnehmend entgegen. 

Unten angekommen lag ein langer schummrig beleuchteter schwarzer Korridor mit links- und rechtseitig montierten Stahlblechen zum Abstellen von Getränken, Aschenbechern, überall lagen Flyer darauf. Der in schwarz gehaltene Club war wie ein Rechteck aufgebaut, wobei sich im Inneren der Wirtschaftsraum befand und am oberen Ende des Clubs befanden
sich rechts die Bar und vor der oberen Bar die Tanzfläche.

Tanzen im allgemeinen ist ein Aufatmen für Körper und Seele und hier gab es eine hohe Dosis davon. Es ging nicht darum sich auf eine Person zu fokussieren, jemanden anzubaggern, es wahr vielmehr so, dass ich zum ersten mal bewußt die Wahrnehmung verspürte und darüber nachdachte, welcher freiheitlicher Gedanke hinter dem Erlebnis Techno-Club (Bewegung) steht.

clubber,  raver
türkisch deutsche Techno Freundschaft – Hakan und ich

Die Szene entwickelte sich sehr vielseitig und war bzw. ist gegenüber neuen Gästen stets aufgeschlossen. Neue Freundschaften wurden besiegelt und man ging zusammen auch in andere Diskos in denen nur eine kleine Runde House oder Techno Musik vom DJ gespielt wurde. Die DJ´s Marc und Jens (r.i.p.) spielten New Beat und Techno aus Belgien wie z.B. der Politisch motivierte Track von Human Resource. Mit Ihrem düsteren Track “Dominator “… here is no other, I wanne kiss myself”  peitschen sie die Tänzer*innen auf. Wie von einer unsichtbarer Hand geführt ließ ich mich in die blitzende neblige Aura dieser neuen Musik fallen. Hymnische Cords wie von Quadrophonia brachten die Clubnacht auf das nächste Euphorie-Level.

Und plötzlich ein Break. Die Bewegungen der Tanzenden beruhigten sich im absinkenden Tempo des laufenden Tracks. Der Track lief mit dem Off-Schalter bis auf Tempo null aus und der Nebel klarte sich langsam auf. Erst jetzt konnte ich die Gäste genauer erkennen. Ihre Gesichter strahlten vor Glück. Einige umarmten sich und tuschelten. Ein klare Frauenstimme erhellte die bis dahin düster magische Atmosphäre. Hemmondorgeln setzen ein. Ein housig melancholischer Track Gypsy Woman von Crystal Waters setzte ein. Vouging, wie es Madonna in Ihrem Song Vouge auf MTV zelebrierte, war damals wie heute ein Tanzstil, der mich schwer beeindruckte. Ein unvergesslicher Moment voller Magie und Schönheit.

Der Men´s Factory-Look in den Anfangstagen wurde noch stark vom Fetischstyle wie Lack, Leder und der Mode von Jean Paul Gaultier dominiert. Die Gäste waren sehr freizügig bekleidet. Nackte Haut, der Geruch von Poppers, Schweiß und schwerem Parfüm ließen mich mit allen Sinnen den neuen Ort meiner Begierde, dem TECHNO CLUB spüren. Das Freitagspublikum der Men´s Factory war zu 70 % Gay, 20% Frauenund 10% Typen wie mir, die ihrem Instinkt oder einem guten Ausgehtipp gefolgt sind, um ihre neue Musik zu feiern. Samstags war die Men´s Factory eine reiner Schwulenclub. Innerhalb eines halben Jahres verdoppelte sich die Anzahl der Gäste. Gesichter aus meinen alten Ausgehläden bekamen auch davon Wind und eine neuer tanzwütiger Gast betrat die Tanzfläche – der englische Soldat, damals in Celle stationiert. Der erste British Summer of Love fand bereits 1988 auf Englands Wiesen und unter anderem in Clubs wie dem Haçienda in Manchester und The Shoom in London statt.


Diese Engländer brachten den Piano Break Beat, Happy Hardcore, den Ravestyle und einen neuen Fashionlook mit in die Men’s Factory: Zipfelmützen, Styssicaps und Workwear in XXL. Parallel fing in Hannover die Gründerzeit der elektronischen Musikpartys an. In einem ehemaligen Kino, den Weltspielen, direkt in Hannovers Innenstadtmeile, fanden Party´s statt wie das Ravesyndrom von Asem Shama und Axel Bartsch, die Partys von meinen langjährigen Freunden Sylvio Koelbel und Peter Wondolek im Ernst-Winter-Saal der Hanomag. Das Cyberhouse, eine riesige Fabrikhalle der Hanomag, wo ein riesiges Zelt aufgestellt war, wurde der größte Techno Tempel im Großraum Hannover.

Der Club Future am Steintor war berüchtigt für seine sonntäglichen After Hours und neue DJ´s konnten sich gegenüber einem feierwütigem Publikum hier behaupten. Der Produzent Jens Strüver gab hier eine seiner ersten DJ Gigs.

In der Nähe des Bahnhofes machte sich gegenüber eines Parkhauses der Club Trance über die Grenzen Hannovers einen Namen. Dennoch war Hannover nicht alles und wir reisten über viele Jahre durch das Techno-Land Germany. Ob im Berliner Planet, Walfisch oder E-Werk, im Aufschwung Ost  in Kassel, Hamburger Unit, Bremens Ostertor Club oder den Frankfurter
Clubs Omen und Dorian Gray .

Sie alle zählten zu meinen wochenendlichen Stationen und ich lernte vielseitige Strömungen der Technokultur und ihre musikalischen Facetten kennen. Jeder der Clubs bestach durch unverwechselbare Merkmale wie den Sound, die Inneneinrichtung und das fundamental wichtigste: seinen Gästen – den Clubber*in.